HafenstädteEiner der wichtigsten Ecksteine im Herman Sörgels Atlantropa war, dass die neue Geografie nach der Absenkung den Mittelmeer-Anrainerstaaten umfassende innovative Möglichkeiten eröffnen würde. Er sah, dass viele große Hafenstädte wie z.B. Marseille und Genua in Bedeutungslosigkeit versinken würden und dafür neue Städte an der veränderten Küstenlinie ins Leben gerufen würden. Marseille“Nichts Gutes erwartet sie: Marseille läge einige Kilometer hinter dem neuen Ufer. Oran, Algier, Genua, Triest u. a. hätten dasselbe Schicksal. Venedig hätte gepflasterte Straßen anstelle der Kanäle. In Toulon, Bizerta und La Spezia würde man die Kriegsschiffe mit Rädern versehen, um sie ins Wasser zu lassen.” So kritisch waren die Pressestimmen in Frankreich, nachdem Sörgel sein Projekt veröffentlicht hat. Grund war auch, dass z. B. in Marseille nach dem Absenkungsprozess zwanzig Kilometer von den neuen Küstenlinie entfernt sein würde. Nach Sörgels Plänen war die Schaffung einer neuen internationalen Hafenstadt mit dem Namen “Rhone du Port” vorgesehen, die über ein Kanalsystem mit der Stadt Marseille im Landesinnern verbunden worden wäre. GenuaIn Italien stieß Sörgel auf dieselbe Kritik, da durch Atlantropa auch die größten Hafenstädte wie z.B. Genua das gleiche Schicksal wie Marseille ereilen würde. Zwischen 1930 und 1932 wurde Italien das bevorzugte Feld der Atlantropa–Architekten. Damit wollte Sörgel den Beweis führen, dass für die Italiener von den neuen italienischen Küstenstädten keine Gefahr ausgehe. Viele geplante Konzeptionen dieser Zeit befassten sich mit Genua, Neapel, Venedig und Messina. Dabei arbeitete man auch an einem dynamischen Städtebau mit Anlagen, die entsprechend den lokalen Bedingungen an die Absenkung angepasst waren. Eine Konzeption davon war die von den Leipziger Architekten Georg und Werner Wünschmann für die Meerenge am südlichsten Teil des italienschen Stiefels. Dort sahen sie in der sizilianischen Stadt Messina nach einer Absenkung von 100 Metern sowohl auf der Seite des Festlandes als auch auf der Insel den Bau des drittgrößten Wasserkraftwerkes von Atlantropa vor. ![]() Georg Ferber und Willihelm Appel, Lageplan des neuen Genua bei Absenkung um 200 Meter, 1931 > Mehr Bilder unter Visualisierung Für Genua präsentierten die Münchener Architekten Willibald Ferber und Georg Appel zwei unterschiedliche Projekte. Nach einer Absenkung von 200 Metern ergab sich nach deren Planung ein acht Kilometer breiter neuer Landstreifen. Darauf projektierten sie eine neue zukünftige Hafenstadt namens Genua, welche die kompletten Funktionen des alten Hafens Genua in einem noch größerem Maßstab übernehmen sollte. Das andere Projekt der beiden Architekten ging von einem drei Kilometer durchgehenden langen Landstreifen nach 100 Metern Absenkung aus. Als Stadtgrundmuster wählten sie das sowjetische Modell der Bandstadt, das auch in anderen Atlantropa-Planungen wiederkehrt. Das gewonnene Neuland wurde parallel zum Ufer in streifenförmige Zonen mit getrennten Funktionen eingeteilt. Die Hauptzone bestand aus einem grünen Band zwischen der alten und neuen Stadt Genua, auf dem eine von breiten Zeilenbauten beherrschte Wohnzone in den Mittelpunkt rückte. Herman Sörgel sah die Planung von Ferber und Appel als überzeugendstes Beispiel, da durch sie trotz der Mittelmeersenkung die Küstenstädte nichts von ihrer gewachsenen Schönheit einbüßen müssten. Das Stadtbild würde vom Hafen und vom Meer profitieren und dadurch noch imposanter auf andere Wirken. Es wäre damit ein ähnlicher Effekt erreicht wie bei den bekannten Rivieraorten, die an Steilufern liegen. Atlantropa und AfrikaAtlantropa war ein Projekt für den ganzen Mittelmeerraum, welches sich auf die nördliche und südliche Seite des Meeres konzentrierte und viele Planungen von Sögel und anderen beteiligten ArchiteKten aufnahm. Im Jahre 1931 erdachte Alexander Popp für Tunesien eine neue nordafrikanische Metropole. Er entwarf diese Metropole als Hauptstadt für die ganze nordafrikanische Küste und als Lebenszentrum für zwölf Millionen Menschen. Sörgel war von Alexanders Idee im Prinzip überzeugt. Hinsichtlich einer neuen Metropole jedoch, wollte er die für das Mittelmeer wichtige geschichtliche Stadt “Karthago” mit einer neu zu bauenden Hauptstadt von ganz Atlantropa verbunden wissen. ![]() Neue Tanger, von Peter Behrens und Alexsander Popp, 1932 Diese neue Metropole sollte ebenfalls ein bedeutender Verbindungspunkt zwischen Europa und dem gesamten Kontinent Afrika mit Hinblick auf die von ihm geplante internationale Autobahn, die sich von Mitteleuropa bis nach Südafrika erstrecken sollte, sein. Leider sind die konkreten Zeichnungen und Planungen weder für die vorgesehene Metropole noch für diese riesige Autobahn komplett vorhanden. Ein ähnliches Mega-Projekt gab es die marokkanische Stadt Tanger, die zu einer 2-Millionen-Stadt mit einem vergrößerten Hafen und einer Regierungszentrale ausgebaut hätte werden sollen. Der dritte Schwerpunkt Atlantropas lag in Ägypten. Dort sollte nach der vorgesehenen Absenkung ebenso ein neuer Hafen und Flughafen ungefähr 80 Kilometer vor dem Nildelta entstehen. |